
Wundexpertin
„Wir sehen nicht nur die Wunde. Wir sehen den ganzen Menschen."
Bei einer Wunde kommt es auf mehr an als auf den Verband. Sonja Scholz arbeitet im Wundmanagement im Krankenhaus Winsen und begleitet Patient:innen mit den unterschiedlichsten Wunden. Sie schaut nicht nur auf die betroffene Stelle, sondern auf den ganzen Menschen: auf Vorerkrankungen, Medikamente, Lebensumstände. Genau das macht den Unterschied.
Was sind deine wichtigsten Aufgaben?
Der Rundumblick auf die Patient:innen. Ich schaue mir an, welche Diagnosen vorliegen, welche Therapien schon gelaufen sind, wie lange eine Wunde besteht, welche Begleiterkrankungen und Medikamente eine Rolle spielen. Man muss den Menschen als Ganzes sehen und nicht nur die Wunde. Das ist unsere Kernkompetenz. Dazu arbeite ich eng mit vielen Berufsgruppen zusammen, mit Ärzt:innen, dem Pflegeteam, der Physiotherapie und dem Sozialdienst, damit die Betreuung auch nach der Entlassung weiterläuft.
Welche Qualifikationen bringst du mit?
Ich absolviere gerade die zweijährige Weiterbildung zur Pflegeexpertin für Stoma, Kontinenz und Wunde. Den Wundexpert:innen-Teil habe ich bereits abgeschlossen, das Stoma-Management folgt nun noch. Die Weiterbildung umfasst neben dem theoretischen Unterricht auch mehrere Praktika. Man lernt unglaublich viel dazu und ist fachlich auf dem neuesten Stand.
Was hat dein Interesse an der Wundversorgung geweckt?
Bevor ich ins Wundmanagement kam, habe ich lange in der Chirurgie gearbeitet und dort schon viel mit Wunden zu tun gehabt. Das fand ich immer spannend. Bei einer Wunde sieht man mit der richtigen Therapie oft relativ schnell einen Erfolg. Und es hat etwas von Detektivarbeit. Man muss herausfinden, woher etwas kommt, denn nur eine Wundauflage draufzukleben reicht eben nicht. Diese Ursachensuche und dann zu sehen, wie eine Wunde sich Stück für Stück schließt, fasziniert mich bis heute.
Was unterscheidet deine Rolle von der regulären Pflegearbeit?
Auf Station betreut man viele Patient:innen gleichzeitig. Im Wundmanagement haben wir die Möglichkeit, uns intensiv mit einzelnen Verläufen zu beschäftigen und Veränderungen über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Wir schauen genauer in die Krankengeschichte und auf die Faktoren, die die Wundheilung beeinflussen. Gleichzeitig arbeite ich sehr eigenständig und trage viel Verantwortung. Das schätze ich an meiner Rolle besonders.
In welchen Situationen bist du besonders gefragt?
Vor allem bei chronischen Wunden und immer dann, wenn eine Wundheilung nicht so verläuft wie erhofft. Sobald etwas ungewöhnlich ist oder länger dauert, werden wir hinzugezogen. Dann beginnt für uns die eigentliche Arbeit: verstehen, was dahintersteckt und die Therapie anpassen.
Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du besonders eng zusammen?
Mit fast allen. Gute Wundversorgung funktioniert nur im Team. Wir legen gemeinsam mit den Ärzt:innen die Therapien fest, die Pflegekräfte auf Station setzen sie im Alltag um und führen die Verbandswechsel weiter, und der Sozialdienst sorgt dafür, dass die Betreuung zu Hause weitergeht. Ohne dieses Zusammenspiel würde nichts davon gelingen.
Was verändert sich für Patient:innen, wenn sie von einer Wundexpertin begleitet werden?
Sie haben eine feste Ansprechpartnerin. Sie wissen, dass wir wiederkommen, dass wir uns kümmern und dass wir den Verlauf über die Zeit wirklich im Blick haben. Wenn das Personal wechselt, sind wir oft diejenigen, die eine Wunde kontinuierlich sehen und dadurch Veränderungen schnell erkennen. Diese Sicherheit spüren die Patient:innen.
Welche Rolle spielt Beratung in deiner Arbeit?
Eine sehr große. Es kommt oft vor, dass Patient:innen nicht vollständig verstehen, warum bestimmte Maßnahmen notwendig sind. Warum genau dieser Verband, warum das Bein gewickelt werden muss, was das bewirkt. Wenn wir das erklären, verstehen sie die Zusammenhänge und können die Therapie viel besser annehmen und aktiv mitgestalten. Beratung, Anleitung und das Einbeziehen von Angehörigen gehören für mich fest dazu.
Was ist besonders herausfordernd?
Wenn bereits fast alles versucht wurde und eine Wunde trotzdem nicht abheilt ist man richtig gefordert. Dann geht man fast wie Sherlock auf Spurensuche: Woran könnte es noch liegen? Und es gibt Verbandswechsel, die trotz aller Vorsicht schmerzhaft sind. Wir achten deshalb darauf, dass die Patient:innen vorher gut schmerzversorgt sind, damit der Verbandswechsel für sie so angenehm wie möglich verläuft. Da geht man trotzdem nicht immer unberührt raus.
Was fasziniert dich an deiner Arbeit noch immer?
Das Zusammenspiel von Körper und Medizin. Wieviel man mit kleinen Stellschrauben bewirken kann. Wir hatten Patient:innen, bei denen alle dachten, sie würden es nicht überleben. Sie konnten das Krankenhaus schließlich verlassen und nach Hause gehen. An einer Wunde kann man sehen, wie es einem Menschen insgesamt geht. Sobald es ihm bessergeht, heilt auch die Wunde. Dieses Wunder, was ein Körper aushalten kann, fasziniert mich immer wieder.
Gibt es einen Moment, der dir für immer im Kopf bleibt?
Ich erinnere mich bis heute an einen Patienten, den wir über Monate begleitet haben. Es ging ihm sehr schlecht und er hatte eine besonders schwere, tiefe Wunde. Über seinem Bett hingen überall Bilder seiner Enkelkinder. Kaum jemand hat geglaubt, dass er es schafft. Und irgendwann ist er wirklich nach Hause gegangen. Das werde ich nie vergessen. Solche Fälle prägen sich in unserem Job ein.
Was hat sich durch deine Spezialisierung für dich verändert?
Fachlich habe ich unglaublich viel dazugelernt. Man wird aus der Komfortzone geholt, entwickelt sich weiter und erweitert den eigenen Blick. Davon profitieren am Ende auch die Patient:innen. Meine Planung reicht heute weiter, bis nach Hause, bis in den Alltag der Menschen. Nicht nur bis zur Entlassung.
Würdest du deinem jüngeren Ich raten, diesen Weg zu gehen?
Ja, immer wieder. Trotz allem, was gesundheitspolitisch gerade passiert, würde ich diesen Job wieder wählen. Es gibt heute so viele Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln und zu spezialisieren. Ich würde vielleicht sogar früher damit anfangen.
Was würdest du Kolleg:innen mitgeben, die über eine Spezialisierung nachdenken?
Traut euch! Man wächst mit jeder neuen Aufgabe. Für einen selbst ist es Gold wert und die Patient:innen profitieren von diesem zusätzlichen Fachwissen.