Onkologische Fachpflege

Heidi Piotrowski

Onkologische Fachpflegekraft

„Was kann ich noch optimieren? Das ist die Frage, die mich antreibt."

Eine Krebsdiagnose verändert alles, von einem Moment auf den nächsten. Heidi Piotrowski begleitet Patient:innen im Krankenhaus Winsen seit über 31 Jahren, seit 2013 als onkologische Fachpflegekraft. Sie kennt fast jeden im Haus, kennt die kurzen Wege und nutzt sie jeden Tag für ihre Patient:innen.


Was sind deine wichtigsten Aufgaben?

Ich begleite Patient:innen von der Diagnosestellung über die Operation bis zur Entlassung. Ich nehme an Tumorkonferenzen teil, gehe auf Visite und setze mich ans Bett. Ich habe Zeit zuzuhören und Zeit für Kummer und Sorgen. Dazu betreue ich die viszeralonkologischen Patient:innen unseres zertifizierten Zentrums und unterstütze bei Bedarf gemeinsam mit der Breast Care Nurse die gynäkologischen Patient:innen. Eine besonders wichtige Aufgabe ist die Unterstützung von Patient:innen mit Trachealkanüle. Das ist eine Atemhilfe, die bei verschiedenen Erkrankungen im Hals- und Atemwegsbereich notwendig werden kann. Ich erkläre genau, wie der Kanülenwechsel funktioniert, damit sie das zu Hause selbst hinkriegen und auf niemanden angewiesen sind. Dazu organisiere ich die Versorgung nach der Entlassung, telefoniere mit Pflegediensten und bilde in der Krankenpflegeschule aus.

Welche Qualifikationen bringst du mit?

Ich bin seit über 40 Jahren Krankenschwester und seit 1995 hier im Haus. Die Fachweiterbildung Onkologie habe ich am UKE absolviert. Danach habe ich Konzepte ausgearbeitet und mich dafür eingesetzt, diese Rolle so auszufüllen, wie sie heute ist. Montag bis Freitag bin ich ausschließlich für meine Patient:innen da.

Warum hast du dich für die Pflege entschieden?

Dafür ist meine Oma verantwortlich. Sie war Krankenschwester und seit der achten Klasse stand für mich fest, dass ich das auch werde. Daran hat sich nie etwas geändert. Und ich habe es nie bereut.

Was hat dein Interesse an der Spezialisierung geweckt?

1996 hatten wir einen 26-jährigen Patienten, dem der Kehlkopf entfernt werden musste. Ich habe ihn damals betreut und mich sehr reingekniet. Was mich beschäftigt hat: Wir hatten zu wenig Zeit für den Patienten und seine Angehörigen. Und Diagnosen wurden damals noch im Dreibettzimmer erklärt. Das hat mich geärgert. Hier musste sich etwas ändern, das war mir klar. Als 2009 ein Aushang im Haus hing, der Interessierte für die Fachweiterbildung Onkologie suchte, habe ich ihn im Nachtdienst abgenommen, mit nach oben auf die Station genommen und mich noch in derselben Nacht entschieden. Ich wollte Teil dieser Veränderung sein.

In welchen Situationen bist du besonders gefragt?

Vor allem bei Patient:innen mit Trachealkanüle und bei allen, die jemanden brauchen, der sich wirklich Zeit nimmt. Zeit zum Zuhören, Zeit für das, was gerade drückt. Genau das ist meine Aufgabe. Ich bin da, wenn der Stationsalltag keine Lücke lässt.

Was verändert sich für Patient:innen durch deine Begleitung?

Sie fühlen sich geborgen, aufgehoben, verstanden. Jede Patientin und jeder Patient bekommt meine Visitenkarte. Ich sage immer: Rufen Sie mich an, auch in einem halben Jahr noch. Viele tun das. Manche melden sich nur, um sich zu bedanken. Und das allein sagt schon alles.

Welche Rolle spielt Beratung in deiner Arbeit?

Eine riesige. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand mit einer solchen Diagnose nicht gut informiert nach Hause geht. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Ich lege den Grundstein dafür, dass sie wissen, was kommt, was sie tun können und wo sie sich melden können.

Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du besonders eng zusammen?

Mit allen - dem Sozialdienst, der Psychoonkologie, Seelsorge und Ernährungsberatung, der Physiotherapie, und mit den Ärztinnen und Ärzten. Das Krankenhaus Winsen ist in mehreren Bereichen zertifiziert. Es sind viele Berufsgruppen involviert und mit allen arbeite ich zusammen.

Was ist besonders herausfordernd?

Viele fragen mich, wie ich das schaffe. Meine Antwort ist immer dieselbe: Ich schaue nach vorne. Ich denke nicht: Warum hat dieser Mensch so ein Pech gehabt? Sondern: Was kann ich noch besser machen? Was kann ich noch optimieren, wo kann ich noch ein bisschen mehr geben? Ich bin froh, dass ich da bin, dass ich zuhören, begleiten und eine feste Anlaufstelle sein kann. Das gibt mir Halt. Und wenn mich doch etwas beschäftigt, habe ich Menschen, mit denen ich reden kann. Manchmal denke ich im Auto nach Feierabend noch über das Erlebte nach. Aber dann lasse ich es los.

Was hat sich durch deine Spezialisierung verändert?

Ich bin ruhiger geworden. Und ich rege mich im Alltag über Dinge nicht mehr auf, die früher vielleicht wichtig wirkten. Ich weiß, dass sich ein Leben von einer Minute auf die andere komplett verändern kann. Das verändert den Blick auf alles.

Woran merkst du, dass deine Begleitung einen Unterschied gemacht hat?

Wenn Patient:innen mit Trachealkanüle stolz nach Hause gehen und den Kanülenwechsel allein hinkriegen. Wenn sie gut beraten sind und sich bedanken. Und manchmal kommt zu Weihnachten noch Post. Das reicht mir.

Was macht die Arbeit hier in Winsen besonders?

Man kennt sich. Die Wege sind kurz. Ich bin seit über 30 Jahren hier und kenne fast jeden. Das ermöglicht mir, schnell und direkt für meine Patient:innen zu handeln. Was ich hier in kurzer Zeit erreichen kann, wäre in einer sehr großen Klinik so nicht möglich. Das höre ich auch von Patient:innen immer wieder.

Was würdest du Kolleg:innen mitgeben, die über eine Spezialisierung nachdenken?

Einfach machen. Das mitnehmen, was einen wirklich interessiert. Für sich selbst, für die Patient:innen, für das Unternehmen. Einfach machen.

 

 

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