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Rettungskette gegen die Zeit

Ein gemeinsames Netz: Das Schlaganfall-Netzwerk sichert im Zusammenspiel mehrerer Akteure engmaschig die Versorgung von Schlaganfallpatienten im Landkreis Harburg.

Wenn im Gehirn eine Arterie verstopft, zählt jede Sekunde. Unter Medizinern gilt das Credo „Time is brain“ – Zeit ist Gehirn –, denn pro Minute sterben Millionen von Nervenzellen ab. Im Landkreis Harburg werden jährlich rund 1.000 Fälle von Schlaganfällen oder deren Vorstufen registriert. Um diese zeitkritischen Notfälle in einem Flächenlandkreis abzufangen, arbeiten die Krankenhäuser Buchholz und Winsen sowie die Waldklinik Jesteburg in einem sektorenübergreifenden Netzwerk zusammen.

Die Lotsenfunktion des Rettungsdienstes
Die Versorgung beginnt bereits vor der Krankenhaustür. Da der Landkreis mit Buchholz und Winsen zwei geografische Schwerpunkte hat, übernimmt der Rettungsdienst eine zentrale Steuerungsfunktion. Je nach Schweregrad des neurologischen Ausfalls wird entschieden, welche Klinik angefahren wird. Ziel ist es, die Transportwege kurz zu halten, aber gleichzeitig die notwendige fachliche Tiefe zu garantieren. 

Spezialisierung und Telemedizin
Während das Krankenhaus Buchholz über eine eigene neurologische Fachabteilung und eine zertifizierte Spezialstation, die sog. Stroke Unit verfügt, wird am Standort Winsen ein kombiniertes Modell genutzt. Hier betreut die internistische Abteilung unter Leitung von Dr. Markus Leeker die Patienten, unterstützt durch tägliche Visiten der Buchholzer Neurologen und telemedizinische Konsultationen mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Ein wesentlicher Faktor des Konzepts ist die sogenannte „Inreach“-Lösung: Bei schweren Gefäßverschlüssen werden Spezialisten des UKE für operative Eingriffe, sogenannte Thrombektomien, nach Buchholz geholt. Dr. Felix Butscheid, Chefarzt der Neurologie am Krankenhaus Buchholz, erläutert die medizinische Strategie: „Wir arbeiten an beiden Standorten nach identischen Therapiealgorithmen. Das bedeutet, dass die Diagnostik und die erste medikamentöse Behandlung überall auf dem gleichen fachlichen Standard erfolgen. Sollte ein Patient eine hochspezialisierte Thrombektomie benötigen, arbeiten wir mit unserem Netzwerkpartner UKE zusammen.“ Die Thrombektomie wird dann am Standort Buchholz durchgeführt.  

Nahtloser Übergang in die Früh-Rehabilitation
Häufig endet die kritische Phase nicht mit der Entlassung aus der Akutklinik. Hier setzt der dritte Partner des Netzwerks an: die Waldklinik Jesteburg. Um den gefürchteten „Therapiebruch“ – also die Wartezeit zwischen Akut und möglicher Anschlussbehandlung – zu vermeiden, sind Therapeuten aus Jesteburg oft schon am Krankenbett in der Akutklinik präsent. Prof. Dr. Joachim Gerber, Ärztlicher Direktor und neurologischer Chefarzt der Waldklinik Jesteburg, betont die Bedeutung der frühen Mobilisierung: „Die neurologische Frührehabilitation im Fachkrankenhaus und ggf. weiterführende neurologische Rehabilitationsphasen müssen so zeitig wie möglich einsetzen, um Folgeschäden zu minimieren. Durch die enge Abstimmung zwischen den Akuthäusern und unserer Klinik in deren Fachkrankenhaus- und/oder Rehabilitationsbereich können wir Patienten ohne administrativen Zeitverlust übernehmen und die Behandlung unmittelbar fortsetzen.“ 

Qualitätssicherung und Ausblick
Dass dieses Modell funktioniert, zeigen die regelmäßigen Zertifizierungen durch die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Das Netzwerk zielt darauf ab, durch die enge Kooperation die Rate an bleibenden Beeinträchtigungen und Pflegebedürftigkeit zu senken. Dr. Franziska von Breunig, medizinische Geschäftsführerin der Krankenhäuser Buchholz und Winsen, sieht in der Netzwerk-Struktur eine Antwort auf die demografische Entwicklung: „Angesichts eines Bevölkerungsanteils von rund 40 Prozent über 55 Jahren im Landkreis ist eine funktionierende Schlaganfallversorgung essenziell. Durch die Verzahnung der Standorte stellen wir sicher, dass die medizinische Qualität nicht von der Postleitzahl des Patienten abhängt.“ In einer Zeit, in der das Gesundheitssystem unter Reformdruck steht, zeigt das Netzwerk im Landkreis Harburg modellhaft, wie träger- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit in der Fläche eine hochspezialisierte Medizin sicherstellen und Schlaganfälle vor Ort auf hohem Niveau versorgt werden können.

Der 10. Mai ist der bundesweite „Tag gegen den Schlaganfall“. Er soll für die Symptome wie Lähmungen, Sprachstörungen oder Schwindel sensibilisieren und auf die Bedeutung einer sofortigen Notrufmeldung (112) hinweisen.

 

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