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Mehr Rückenschmerzpatienten suchen Hilfe

Die Pandemie geht auf den Rücken. Das legt die Auswertung von Daten der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) nahe. Demnach wurde jedes fünfte Attest 2021 wegen Muskel-Skelett -Erkrankungen ausgestellt. Und 25 Prozent der Fehltage waren laut KKH im ersten Halbjahr 2021 auf Erkrankungen des Bewegungsapparats zurückzuführen. Ein deutlicher Anstieg gegenüber früheren Jahren. Nicht nur schlecht eingestellte Stühle und Arbeitstische im homeoffice nennt die KKH als Auslöser. Auch psychische Belastungen wie Existenzängste und das Gefühl des Kontrollverlusts lösen laut KKH-Analyse körperliche Verspannungen und in der Folge erhebliche Beschwerden aus. Eine Erfahrung, die Dr. Gabriele Heuschert teilt. Die Fachärztin für Anästhesie und Spezielle Schmerztherapie leitet gemeinsam mit Drs. Thomas Weinschenk die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) im Krankenhaus Winsen. Eine Spezialabteilung, in der diejenigen behandelt werden, die gefangen sind in der Spirale aus unbeherrschbaren Schmerzen, Medikamenten und erlernter Hilflosigkeit.

Besonders Patienten mit Rücken- und Gelenkbeschwerden wurden von der Pandemie hart getroffen, hat Dr. Heuschert beobachtet: Sportvereine und Fitness-Studios hatten geschlossen. Damit fielen regelmäßige Bewegung und viele Sozialkontakte weg. Viele fanden zu Hause nicht die Energie, um selbst tätig zu werden, und versanken nicht selten in Einsamkeit und Depressionen.

Dass sich psychische Belastungen und Bewegungsmangel aufsummieren können zu schlimmsten Schmerzzuständen, ist eine in der Medizin längst anerkannte Tatsache. Die IMST Winsen wurde geschaffen, um diese Patienten aus der Sackgasse herauszuführen und möglichst autark zu machen. Dazu wurde im Krankenhaus innerhalb der Abteilung Orthopädie eine eigene Sektion Schmerztherapie abseits des stationären Akutbehandlungsbetriebs eingerichtet. Sie umfasst drei Patientenzimmer, in denen sechs Patienten aufgenommen werden können. Neben Dr. Heuschert und Dr. Weinschenk gehören zum Team: eine Fachärztin für Orthopädie, Unfallchirurgie und Allgemeinmedizin, zwei auf kognitive Verhaltenstherapie spezialisierte Psychologen, eine Psychiaterin und Fachärztin für psychosomatische Medizin, eine Sportwissenschaftlerin, dazu Physio- und Ergotherapeut*innen und speziell schmerztherapeutisch weitergebildete Fachkrankenpfleger*innen, die Pain Nurses.

Für jeden Patienten gibt es ein individuelles Programm, das ihm hilft, Ängste, seelische und körperliche Blockaden zu überwinden, wieder Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen und Abhängigkeiten, sei es von Therapien, sei es von Medikamenten, abzulegen. „Du kannst das selbst“, ist die Botschaft, dass das hoch motivierte Behandlungsteam den Patienten in der dreiwöchigen stationären Behandlung mitgibt.

„Der größte Teil der Patienten kommt tatsächlich mit Rückenschmerzen zu uns“, bestätigt Dr. Heuschert. Nicht immer geben Röntgenbilder Aufschluss über die Ursache. Häufig löst  verhärtetes Bindegewebe die Beschwerden aus. Psychische Faktoren wie zum Beispiel Depressionen verstärken die Verspannungen und damit die Körperpein.

Auch Patienten mit neuropathischen, also durch gestörte Nervenfunktionen ausgelösten Beschwerden, z.B. nach Gürtelrose oder nach Nervenverletzungen, kommen in die multimodale Schmerztherapie. 20-Jährige mit chronischen Kopf- und Nackenschmerzen sind ebenso darunter wie 80-jährige, die am Rollator gehen und ihn eigentlich gar nicht benötigen.

Was die Patienten lernen sollen, ist die Fixierung auf Interventionen und Medikamente durch Eigeninitiative zu ersetzen. Dazu gehört intensives Körpertraining. „Viele denken, wenn es weh tut, höre ich auf“, hat Gabriele Heuschert beobachtet. „Diese Spirale, die in die Inaktivität und damit zu mehr Schmerzen führt, wollen wir durchbrechen“, so Dr. Heuschert weiter. Mit den körperlichen Verklebungen lösen sich oft auch Ängste. Entspannungsverfahren wie z.B. Achtsamkeitsübungen werden zum täglichen Begleiter. Bei Krisen sind Psychologen in wenigen Schritten erreichbar, ihre Sprechzimmer liegen in unmittelbarer Nähe zu den Patientenzimmern.

Das Wissen, selbst etwas gegen seine Schmerzen tun zu können und damit zum Manager seiner Krankheit zu werden, ist die Belohnung des dreiwöchigen Aufenthalts. Wie gut das Modell läuft, zeigen die steigenden Patientenzahlen. Wurden noch 2019 insgesamt 20 Patienten und im Folgejahr 24 Patienten behandelt, sind es im Jahr 2021 (Stand Ende August) schon 44, weitere 26 sind angemeldet.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Therapie. Die Patienten werden vom niedergelassenen Arzt eingewiesen. Detailliertes Screening, das bedeutet eingehende Vor-, Aufnahme- und Entlassungsuntersuchungen, gehört zur Behandlung. Zum Abschluss bekommt jeder Patient Übungen mit auf den Weg, die er zu Hause ausführen kann und auch sollte. Denn nur so bleibt der Behandlungserfolg gesichert.

 

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